Gedanken für den Tag Schwarz und weiß

Sa, 04.04.  |  6:57-7:00  |  Ö1
Br. Thomas Hessler OSB, Leiter des Europaklosters Gut Aich und Künstler, macht sich Gedanken zur Karwoche

Ich war damals 10 Jahre alt. Es war das Jahr 1978. Ins kommunistische Polen gingen die Grenzen für eine kurze Zeit auf. Viele Menschen sind damals von dort nach Österreich gekommen. In unserem kleinen Dorf im südöstlichen Niederösterreich, in der sogenannten „Buckligen Welt“, wurden polnische Flüchtlinge aufgenommen. Die Frage war schon damals, wie die Neuankommenden gut im Dorfleben integriert werden könnten. Meine Mutter, eine engagierte Lehrerin, hat sich immer im Sozialbereich eingebracht und geschaut, dass die Menschen in Würde und sinnvoll leben konnten. So auch mit den Flüchtlingen aus Polen. Einen Neuanfang zu wagen hat damals wie heute viele auf den Weg gebracht. Eine Kollegin meiner Mutter, die meine Volksschullehrerin war, hat ihr immer wieder gesagt, dass ich ein großes Talent hätte und gefördert werden müsste. Aber wie? In einem kleinen niederösterreichischen Dorf 1978! Wie es der Zufall oder der Himmel wollte, war unter den polnischen Flüchtlingen ein akademischer Maler aus Warschau. Den hat meine Mutter gefragt. Und der kam tatsächlich zu uns nach Hause und hat mir Privatunterricht gegeben. Einmal die Woche. In der ersten Unterrichtsstunde gab er mir nur ein schwarzes und ein weißes Blatt Papier und eine Schere – ich soll damit etwas gestalten. Ich habe gesagt, dass er mich nicht richtig verstanden hätte – wir sprachen nämlich nur englisch – ich will nicht basteln lernen. Nein, nein, hat er gemeint. Er hat mich verstanden. Aber, wenn ich Kunst lernen will, ein Künstler werden will, ein guter Maler, so ist es die grundlegende Übung, die Gegensätze (schwarzes + weißes Blatt) in Beziehung zu bringen. Was immer du tust, ob du einen schönen Garten anlegst, ein schmackhaftes Essen zubereitest, ein gutes Gespräch führst – es ist immer eine Kunst, die Gegensätze miteinander zu verbinden. Ostern, das Miteinander-etwas-anfangen-können, bringt Gegensätze in Beziehung. Das Helle und das Dunkle, Licht- und Schattenseiten, Leben und Tod – das Ganze.

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