Gedanken für den Tag Ingeborg Bachmann und das Wunder des Glaubens
Sa, 27.06. | 6:57-7:00 | Ö1
Dolmetschen ist faszinierend. Gelegentlich habe auch ich gedolmetscht, aber nie simultan, denn das muss man gelernt haben. Vielleicht fasziniert mich deswegen Ingeborg Bachmanns Erzählung „Simultan“ so sehr, denn sie zeigt die Welt einer Simultandolmetscherin, die sich in mehreren Sprachen zu bewegen weiß. Bei mir sind es nicht so viele, aber jede ist eine eigene Welt, und allzu oft mache ich die Erfahrung, dass sich ihre Wörter und Sätze nicht decken, dass Entscheidendes unübersetzbar bleibt. Aber vor allem liebe ich die Erzählung „Simultan“ wegen ihres Schlusses. Da entflieht die Dolmetscherin dem ganzen Trubel und klettert in tollkühner Begeisterung auf den Felsen von Maratea zu einer Christusfigur, die so beschrieben wird: „mit ausgebreiteten Armen, nicht ans Kreuz geschlagen, sondern zu einem grandiosen Flug ansetzend, zum Auffliegen oder zum Abstürzen bestimmt."Im Hotelzimmer findet die Dolmetscherin dann noch eine italienische Bibel und schlägt sie auf, weil sie sie wie ein Orakel befragen will. Da stößt sie auf den Satz "Il miracolo, come sempre, è il risultato della fede e d’una fede audace.“ Der Satz verwirrt sie. Plötzlich fällt sie aus ihrer antrainierten Routine und bringt es nicht fertig, ihn zu übersetzen. Ich kann kaum Italienisch, war aber ganz stolz, dass ich ihn, mit etwas Latein im Hinterkopf, mühelos übersetzen konnte: „Das Wunder ist, wie immer, das Ergebnis des Glaubens und eines kühnen Glaubens.“ Ich hatte jedoch ein anderes Problem: Ich suchte diesen Satz überall in den Evangelien. Das Buch im Hotelzimmer hieß ja „Il Vangelo“; aber den Satz fand ich dort nirgends. Das war eine Enttäuschung. Denn ich liebe diesen Satz, weil ich gerne imstande wäre, mit einem kühnen Glauben ein Wunder zu erzeugen. Darum möchte ich, dass der Satz in der Bibel steht: „Das Wunder ist, wie immer, das Ergebnis des Glaubens und eines kühnen Glaubens.“
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