Sehen statt Hören Fernsehen in Gebärdensprache

Sa, 04.04.  |  7:30-8:00  |  NDR
Untertitel/VT Gebärdensprache Stereo 
1975 ging "Sehen statt Hören" erstmals auf Sendung - und schrieb Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal gab es ein TV-Format, das sich speziell an gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer richtete. Doch was damals als Angebot von Hörenden für Gehörlose begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Plattform, die von der tauben Community selbst geprägt wird.
Der Weg dorthin war nicht immer geradlinig: Kritik, Diskussionen und mutige Ideen haben die Sendung verändert - von lautsprachbegleitenden Gebärden bis zur Deutschen Gebärdensprache im Fernsehen. Und manche Visionen von früher sind heute längst Realität. Ein Rückblick.

1975 ging "Sehen statt Hören" erstmals auf Sendung - und schrieb Fernsehgeschichte. Zum ersten Mal gab es ein TV-Format, das sich speziell an gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer richtete. Doch was damals als Angebot von Hörenden für Gehörlose begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer Plattform, die von der tauben Community selbst geprägt wird.

Der Weg dorthin war nicht immer geradlinig: Kritik, Diskussionen und mutige Ideen haben die Sendung verändert - von lautsprachbegleitenden Gebärden bis zur Deutschen Gebärdensprache im Fernsehen. Und manche Visionen von früher sind heute längst Realität. Ein Rückblick.

Als "Sehen statt Hören" 1975 startete, war das Konzept revolutionär. Zum ersten Mal richtete sich eine Fernsehsendung gezielt an gehörlose Menschen. Moderiert wurde die Sendung zunächst von Hörenden. Die erste Moderatorin war die Gehörlosenlehrerin Elke Grassl, die über zehn Jahre lang das Gesicht der Sendung war - und bei vielen nachhaltig Eindruck hinterlassen hat.

Moderiert wurde damals mit lautsprachbegleitenden Gebärden. Ziel war es, möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern gerecht zu werden: denjenigen, die Gebärden nutzten, ebenso wie jenen, die sich stärker an der gesprochenen Sprache orientierten. So entstand ein Mittelweg: "Wir benützen gut absehbare normale deutsche Lautsprache, unterstützt von den vereinheitlichten Gebärden der Gehörlosen. Und wir richten uns dabei nach dem bekannten Blauen Gebärdenbuch", erklärte Elke Grassl, die in dieser Art der Kommunikation noch einen weiteren großen Vorteil sah: "Überall wo sich Hörende und Gehörlose begegnen, können diese lautsprachbegleitenden, bzw. lautsprachunterstützenden Gebärden eine Brücke schlagen."

Das war vor 50 Jahren noch ganz normal: Ein Angebot für hörgeschädigte Menschen, das von Hörenden gemacht und präsentiert wird. Sehen statt Hören ist zu dieser Zeit wie ein Spiegel der Gesellschaft: Gehörlose Menschen übernahmen kaum die Initiative und standen sehr im Hintergrund. Stattdessen ergriffen Hörende das Wort, organisierten und leiteten das Geschehen, gaben den Ton an. Dabei stand das Team von Beginn an eng in Kontakt mit den unterschiedlichen Verbänden, den Interessensvertretungen der Gehörlosen, und dem Publikum. Wünsche und Feedback wurden offen aufgenommen.

Für viele gehörlose Zuschauerinnen und Zuschauer war die Sendung zunächst ein großer Fortschritt. Endlich gab es ein Programm, das sie verstehen konnten - auch dank der damals noch seltenen Untertitel.

Doch mit der Zeit wuchs auch die Kritik. Viele in der Community merkten, dass die verwendeten Gebärden nicht immer der natürlichen Gebärdensprache entsprachen. Die Diskussion darüber wurde immer lauter und führte zu intensiven Debatten über Authentizität, Repräsentation und Teilhabe.

Die durchaus scharfe Kritik kam nicht nur in Briefen oder Gesprächen - sie fand auch ihren Weg auf die Bühne. Die bekannte Theatergruppe TRIO ART griff die Situation in einer humorvollen Parodie auf. Mit viel Witz zeigte sie, wie Kommunikationsprobleme entstehen können, wenn Hörende über Gehörlose sprechen. Und sie zeigte die Visionen, die Gehörlose für ihre Zukunft hatten. Die Parodie traf einen Nerv. Sie machte deutlich, was viele in der Community längst forderten: mehr gehörlose Stimmen vor und hinter der Kamera.

Ein wichtiger Schritt folgte in den 90er-Jahren: Der gehörlose Sozialarbeiter Jürgen Stachlewitz wurde Moderator von Sehen statt Hören. Er gehörte zu den ersten, die authentische Gebärdensprache im Deutschen Fernsehen präsentierten. Ausschlaggebend war ein Besuch der damaligen Redaktion bei der ersten Europäische Konferenz der Fernsehprogramme für Gehörlose in Stockholm. "Dort hat uns eine Sendung sehr überrascht, die allen anderen weit voraus war: Die englische Sendung "See Hear". Im Team waren fünf gehörlose Mitarbeiter - und das Programm war voll in Gebärdensprache - in der British Sign Language", erinnert sich Gerhard Schatzdorfer, damaliger Redaktionsleiter von Sehen statt Hören.

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