Gedanken für den Tag Weiter Weg zum Israelitengesetz

Sa, 28.03.  |  6:57-7:00  |  Ö1
von Tina Walzer, Historikerin, Autorin und Leiterin der Redaktion der jüdischen Kulturzeitschrift DAVID

Die Wiener Jüdinnen und Juden ringen im 19. Jahrhundert um die existenzielle Absicherung von Aufenthaltsrecht und Berufswahl, aber auch um die staatlich garantierte Religionsausübung. Die Statuten der IKG Wien von 1829 markieren einen entscheidenden Schritt in Richtung rechtlicher Gleichstellung der jüdischen mit den nichtjüdischen Staatsbürgern des Habsburgerreiches. Es ist dennoch ein weiter Weg, bis 1890 die staatliche Anerkennung der jüdischen Religion mit dem Israelitengesetz kommt. Die Erneuerung der österreichischen Religionsgesetze in jüngster Zeit erinnert daran, dass die rechtliche Gleichstellung eine relativ junge Errungenschaft ist. Nach der Französischen Revolution ist es Napoleon, der mit seinem Code Civil erstmals in ganz Europa eine Gleichstellung von jüdischen mit nichtjüdischen Menschen im bürgerlich-rechtlichen Sinn zugesteht, wiewohl die Erleichterungen für die jüdische Minderheit in den meisten Regionen auf Druck der lokalen Bevölkerungen bald wieder zurückgenommen werden. Erst 1848 gelingt es, das Ende der rechtlichen Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung zumindest als Anspruch zu verankern, doch konkrete Umsetzungsbestimmungen fehlen, und staatsrechtlich gibt es de facto die bürgerlich-rechtliche Gleichstellung von männlichen Juden und Christen in den habsburgischen Ländern erst ab dem Staatsgrundgesetz 1867. Frauen – egal ob jüdische oder christlich – bleiben in Österreich Männern gegenüber übrigens noch bis 1918 staatsrechtlich benachteiligt. Der Nationalsozialismus hebt jede Art rechtlicher Gleichstellung umgehend auf und spricht Jüdinnen und Juden ihre Existenzberechtigung ab. Vertreibung, Verfolgung, Enteignung und Ermordung folgen. Nach 1945 braucht die neue Wiener jüdische Gemeinde Jahrzehnte, um sich davon zu erholen. Vor allem junge Zuwanderer aus den Ex-Sowjetrepubliken bringen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs frischen Wind und neue Zuversicht in die bis dahin stark überalterte Gemeinde. Heute sehen sich aber aufgrund der Weltpolitik auch in Wien Jüdinnen und Juden wieder mit massivem Antisemitismus konfrontiert.

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