Le week-end Lachen üben (2)
Sa, 28.03. | 13:00-14:00 | Ö1
Die Jahre um und ab 1300 waren turbulent in Europa. Machtkämpfe und Korruption aller Orten, der Papst gegen den Kaiser, der Adel gegen das aufkommende Bürgertum, der Klerus kämpft um Geld für die Orden, reiche Benediktiner und arme Franziskaner sind einander auch nicht hold, und auf der theologisch-philosophischen Ebene sehen die sogenannten „Realisten“ die Welt genau gegenteilig zu den „Nominalisten“, aber lassen wir jetzt diese lebensgefährlichen Spitzfindigkeiten. In diesen Jahren, möglicherweise im Jahr 1317, erscheint in Paris ein bitterböser, satirischer Roman, der das ganze gesellschaftliche Durcheinander auf die Schaufel nimmt und lächerlich macht. „Roman de Fauvel“ heißt diese französische Versdichtung. Ein „Fauvel“, wörtlich übersetzt ein Falbe, also ein Pferd, manchmal auch als Esel übersetzt, übernimmt die gotteslästerliche Herrschaft in einer völlig verkehrten Welt. Schon der Name „Fauvel“ ist zugleich als ein Akrostichon gemeint. Die französischen Anfangsbuchstaben von sechs Lastern ergeben den Namen des höhnisch-perversen, neuen Herrschers: die Schmeichelei, der Geiz, die Niederträchtigkeit, die Unbeständigkeit, der Neid und die Feigheit. Ein sehr schönes Charakterbild für einen neuen Herrscher. Warum wir diese ganze böse, das Lachen evozierende Geschichte erzählen? In einer der mittelalterlichen Abschriften dieser Versdichtung finden sich nicht nur die üblichen Verzierungen, Minuskeln und Majuskeln, gemalte Initialen, sondern vor allem auch Musikstücke, kleine Partituren. Ein lesetechnisches Gesamtkunstwerk der besonderen Art: Zumindest für diejenigen, die sowohl Bild als auch Schrift und auch noch Notenschrift lesen und deuten konnten, sollten ganze Welten aufgehen. Und einige dieser drei- oder vierstimmigen Motetten in diesem Manuskript stammen angeblich von einem gewissen, berühmten Philippe de Vitry.Und jetzt gönnen wir uns mit Philippe de Vitry wieder einmal ein le week-endisches Gedankenspiel. Genau zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans des Esels oder des Pferdes lässt Umberto Eco seinen berühmten Roman im „Namen der Rose“ spielen, nämlich 1327. In diesem überreichen Buch voll hunderter Anspielungen über die Jahrhunderte hinweg und mittelalterlicher Alltagsbeobachtungen läuft aber alles auf das eine Entscheidende hinaus, auf die Vernichtung eines Buches, das der Philosophie des Abendlandes seit Jahrtausenden abgeht, nämlich jenes Teils der „Poetik“ von Aristoteles, der sich mit dem Lachen, mit der Komödie und dem Lächerlichen beschäftigt. Sogar die Vernichtung der gesamten, unendlich wertvollen Bibliothek nimmt der greise Bibliothekar in Umberto Ecos Kloster in Kauf, um die Verbreitung der womöglich ketzerischen Gedanken des Aristoteles über das Lachen zu verhindern. Vielleicht hat der greise Bibliothekar ja kurz zuvor, also zu Beginn der 1300er Jahre den zehn Jahre davor erschienenen „Roman de Fauvel“ gelesen und wusste, was er als Gottesmann zu verhindern hatte. Philippe de Vitry hingegen – übrigens selbst ein katholischer Bischof in Frankreich – illustriert das böse Buch des „Lächerlichmachens“ mit seiner eigenen Musik. Die verschiedensten Auslöser und Motivationen, Verursacher und Reflexe können mit dem Lachen in Zusammenhang gebracht werden, und es gibt sogar ernsthafte Untersuchungen, wie man durch Lachen zu Tode kommen kann. Das wollen wir gar nicht weiter verfolgen, aber es fällt uns eine Geschichte dazu ein: Am Salzburger Petersfriedhof, diesem uralten Friedhof direkt an der Felsmauer beim alten Peterskloster, liegen in Ehrengräbern die ältere Schwester Mozarts, also Maria Anna Walburga Ignatia Mozart, später Maria Anna Freifrau von Berchtold zu Sonnenburg, in ihrer Familie und im Freundeskreis einfach „Nannerl“ genannt, sowie der Bruder von Joseph Haydn, also der in Salzburg über Jahrzehnte erfolgreich arbeitende fürsterzbischöfliche Hofkomponist Michael Haydn.Fast hundert Jahre vor Haydn und Mozart lebte in Salzburg ein Steinmetz und Baumeister, der ob seiner künstlerischen Begabung ebenfalls in fürsterzbischöflichen Diensten stand, ein gewisser Sebastian Stumpfögger. Der liegt auch in diesem Friedhof begraben, nicht in einem Ehrengrab, aber in einem sehr auffälligen Grab: Sieben sehr ähnlich geschmiedete Kreuze stehe nebeneinander. Eine böse Salzburger Mär will es, dass hier Sebastian Stumpfögger und seine sechs von ihm zu Tode gekitzelten Ehefrauen begraben seien. Deshalb habe man ihm nie auch nur einen Mord nachweisen können. Diese Geschichte ist natürlich Unsinn, begraben sind dort Stumpfögger, seine Eltern und immerhin tatsächlich vier seiner fünf Ehefrauen. Da bitten wir doch glatt den nicht weit entfernt bestatteten Michael Hadyn um einen kleinen, mit ein wenig Ironie, Überraschung und Komik ausgestatteten Kommentar. „Rondo con spirito“ für Geige und Bratsche.
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