Waldheims Walzer
Ruth Beckermanns Essay über die Aufdeckung von Kurt Waldheims Kriegsvergangenheit.
„Waldheim nein, Waldheim nein!“ skandierte eine Menschenmenge 1986 im Zentrum von Wien. Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann war eine der Aktivistinnen und Aktivisten, die die Wahl des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim zum österreichischen Bundespräsidenten verhindern wollten und begab sich mit Kamera und Mikrofon hinein in die Abgründe der österreichischen Seele. Mehr als 30 Jahre später analysiert sie in ihrem dokumentarischen Essay „Waldheims Walzer“ mit ihren eigenen Bildern und einer Fülle an Archivmaterial diesen Wendepunkt der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
Am Stephansplatz gehen die Emotionen hoch. Menschen sind herbeigeeilt, um an der Abschlussveranstaltung des Bundespräsidentenwahlkampfs im Mai 1986 teilzunehmen. Der Kandidat: Kurt Waldheim. Die einen wollen ihm zujubeln, die anderen gegen ihn und seine Rolle im Nationalsozialismus demonstrieren. Grüppchenweise argumentieren Passanten miteinander, gestikulieren, beschimpfen einander, werden aggressiv. Die Polizei schreitet ein. Vielen Journalistinnen und Journalisten sowie dem Jüdischen Weltkongress waren die mysteriösen Lücken in der Kriegsbiografie des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim aufgefallen. Doch der kann sich nicht erinnern. Alle folgenden Versuche, die Wahrheit aufzudecken, beziehungsweise sie zu vertuschen oder einfach zu beschwichtigen, reißen tiefe Gräben in das Land, spalten die Gesellschaft bis hinein in Familien.
Die Filmemacherin Ruth Beckermann mischt sich unter das Volk, mit einer der ersten Videokameras in Händen und einem über die Schulter gehängten Recorder. Sie dokumentiert die letzten fünf Wochen vor der Wahl – fünf Wochen, die das Land veränderten. 30 Jahre später gräbt sie dieses Material aus, recherchiert, fügt Archivmaterial hinzu. Das Ergebnis: die Genese des Niedergangs einer Lebenslüge: Österreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen.
Ruth Beckermann will Kurt Waldheim in ihrem Dokumentarfilm nicht Schuld oder Unschuld nachweisen – in eineinhalb Stunden, in denen sich das Publikum abwechselnd fremdschämen, den Kopf schütteln oder im Hals steckengebliebene Lacher hinunterwürgen muss, entzaubert sich Waldheim selbst. „… der Mann, dem die Welt vertraut“, wie trotzig auf den Wahlplakaten steht, ist für die einen eine Schande und für die anderen ein Opfer geworden. Die Mechanismen, die den Hass schüren und Hetzer mobilisieren werden spürbar, sie funktionieren – damals, wie heute. Waldheim wurde gewählt.
„Waldheims Walzer“ ist ein Film über Lüge und Wahrheit, über „alternative Fakten“, über individuelles und kollektives Erinnern.
Als seine Kriegsvergangenheit öffentlich durchleuchtet wird, weist er alle Vorwürfe empört zurück, kann sich nicht erinnern und antwortet mit den gewohnten Opfer- Stereotypen, die seit Kriegsende immer und überall reproduziert worden waren.
Im ganzen Land prallen Menschen aufeinander, die die bewährte Lebenslüge erhalten und andere, die sie endlich enttarnen wollen.
Die Filmemacherin Ruth Beckermann ist mit ihrer Kamera Zeugin hitziger Debatten auf offener Straße, als das alte Geschichtsbild nach und nach zu bröckeln beginnt.
Mehr als 30 Jahre später verwebt sie die Videos mit einer Fülle an Archivmaterial und analysiert in ihrem Dokumentarfilm Waldheims Walzer diesen Wendepunkt der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
Hergestellt in Zusammenarbeit mit dem ORF Film/Fernseh-Abkommen
Regie: Ruth Beckermann
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