Welt der Tiere Der Taubenkrieg
Sa, 16.05. | 9:55-10:25 | BR
2015
Ein Hinterhof im Herzen von München. 20 graue Stadttauben fühlen sich hier zuhause, flattern ein und aus, gurren, turteln, versuchen Wohnungen zu besetzen, verdrecken Fenstersimse und wollen dort brüten, wo sie einst aufwuchsen - auf demselben Balkon, hinter derselben Mülltonne. Die menschlichen Hausbewohner dagegen rüsten auf: Der Bewohner vom 3. Stock zückt seine überdimensionale Wasserpistole, ein anderer wirft Taubeneier in die Mülltonne. Sie hängen Krähenattrappen auf, ziehen Drähte, befestigen scharfe Spikes und versuchen die Tauben mit Netzen fern zu halten.
Ein ganzes Gewerbe, die Taubenabwehr, lebt vom Vergrämen der unliebsamen Haustiere. Millionen werden jährlich ausgegeben, um Münchner Gebäude vor den rund 30.000 Stadttauben zu schützen. Wo natürliche Feinde wie Katzen, Marder, Habichte oder Wanderfalken fehlen, stellt ihnen nur der Mensch nach. Dabei war es einst der Mensch, der aus der wilden Felsentaube die zahme Haustaube züchtete. Jetzt wäre er sie oftmals gerne wieder los. Aber das gelingt nicht. Mensch und Taube führen ein spannungsreiches Verhältnis, besonders in den Innenstädten, wo der Wohnraum für alle knapp ist. Füttern darf man sie nicht - aber auch nicht vergiften oder abschießen. Für die einen sind sie Störenfriede, für die anderen stehen Tauben für Liebe, Fruchtbarkeit, den Heiligen Geist und symbolisieren - zumindest die mit weißem Gefieder - den Weltfrieden. Was tun?
Seit ein paar Jahren gibt es eine Alternative zum Taubenkrieg. Betreute Taubenhäuser machen den Tauben ein Angebot, das sie kaum ablehnen können - eine Art Taubenhotel mit allem, wonach sich Stadttauben sehnen. Die neuen Taubenhäuser bieten artgerechtes Futter, Platz für Hackordnung und genügend Nistmöglichkeiten: ein gemütliche Zuhause mit Artgenossen. Der "Taubenwart" füttert, kratzt Kot-Kleckse ab und tauscht die echten Taubeneier gegen Gipseier. Friedliche Koexistenz? Werden die neuen "Tauben-Hotels" den alten Kampf "Stadtmensch gegen Stadttaube" friedlich beenden? Nein. Etliche "Zuflieger" werden sich sicher wieder in die Hinterhöfe verirren.
Buch: Ralph-Jürgen Schoenheinz
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